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CD-Kritik: Kettcar - Fliegende Bauten

  • Live und mit Gefühl. Ganz ohne Kitsch und Klischee!

Joe Strummer hat irgendwann in den 70ern mal gesagt, er möchte keine Liebeslieder mehr schreiben, weil zu diesem Thema bereits alles gesagt sei. Wer von Liebe singt, könne nur im Klischee enden.

Leider konnte er "Nacht" vom zweiten Kettcar-Album "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" nicht mehr hören, das drei Jahre nach seinem Tod erschienen ist. "Meine Welt aufgehoben und ich/ kann die Welt in drei Wörtern erklären/ wenn ich denn müsste … dort hinten wird's hell", singt Marcus Wiebusch da – und widerlegt mal eben den Clash-Sänger.

Geigen ohne Kitsch und Klischee
Noch mal knapp fünf Jahre später erscheint "Nacht" ein zweites Mal, auf der Live-CD "Fliegende Bauten". Und dieses Mal spielen sogar die Geigen mit voller Breitseite dazu. Doch mit Kitsch und Klischee hat das immer noch nichts zu tun. Livealben machen Bands in der Regel, um in der langen Zeit zwischen zwei Studioplatten noch ein paar Euro zu verdienen. Kettcar waren sich dafür immer zu schade, obwohl es Anlässe genug gegeben hätte. Es musste erst etwas ganz besonderes passieren, bis Kettcar weich wurden: Im November 2009 gingen Kettcar zusammen mit einem Streicherquartett auf eine Tour jenseits der üblichen Rockschuppen. An sechs Abenden spielten sie in Kirchen, bestuhlten Konzerthäusern – und eben auch in dem wunderschönen Hamburger Kulturzelt Fliegende Bauten.

Kein verkapptes Best-of-Album
So ist "Fliegende Bauten" eben nicht eines dieser verkappten Best-of-Alben mit Jubelgeschrei der Fans. Die Songs sind wohlvertraut, doch es gibt an ihnen jetzt vieles zu entdecken, was man vorher noch nicht wahrgenommen hat. Vor allem sind es die trotz ihrer Einfachheit so intelligenten und entlarvenden Texte von Marcus Wiebusch, die durch die Arrangements mit neuen Akzentuierungen freigelegt werden und stärker in den Vordergrund treten.

Trennungsschmerz
Da gibt es plötzlich nicht mehr den Hauch einer Chance auf Ablenkung, wenn sich bei "Fake for real" ein Herz inmitten einer Welt der neoliberalen Zumutungen zusammenkrampft. Kettcar holen "Hauptsache glauben" in ihr Set zurück, und man könnte meinen, Wiebusch hätte damals schon vorausgesehen, wie sich in den Jahren danach scheinbar unumstößliche Wahrheiten verabschieden. Und wer hätte gedacht, dass man den Trennungsschmerz vom "Balkon gegenüber" noch intensivieren kann?

Und dann ist da "Nacht". Hätte Joe Strummer diese Aufnahme noch hören können, er hätte Tränen in den Augen gehabt. Und das ganz bestimmt nicht, weil er vor mehr als 30 Jahren einfach falsch lag.

Tracklisting
1. 48 Stunden
2. Volle Distanz
3. Tränengas im High-End-Leben
4. Landungsbrücken raus
5. Balkon gegenüber
6. Balu
7. Fake for real
8. Money left to burn
9. Hauptsache Glauben
10. Am Tisch
11. Nacht
12. Graceland

4.2.2010 14:44
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