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Autor:Corinna Milborn
7.7.2011 09:18

Neues soziales Netzwerk: Ich pluss dich, ey!

  • Beschert uns Google damit sozialen Stress?

Früher morgen, U-Bahn. Eine Gruppe Teenies starrt in Smartphones. Weinerliche weibliche Stimme: „Jetzt sag, in welchen Kreis du mich getan hast! Wenn du mir’s sagst, dann sag ich’s dir auch!“ Junger Mann daneben zu einem Schulkollegen: „Ich pluss dich, ey. Du bist ein Freund. Wie heißt du?“

Wer die Konversation versteht, der weiß: Facebook ist soo Juni. Das neue Ding ist das soziale Netzwerk google+, das seit letzten Mittwoch in einer Testversion online ist. Derzeit muss man sich noch um Einladungen balgen oder Glück haben, um reinzukommen. Wer es geschafft hat, findet einen schön aufgeräumten neuen Spielplatz, der das Beste von Facebook, einige Features von Twitter und ein paar google-Dienste zu einem neuen Netzwerk vereint. So richtig neu ist nichts – aber es ist alles frischer und praktischer. „Sparks“ – das in etwa wie google-news funktioniert – liefert Gesprächsstoff zu Stichworten. „Hangouts“ bieten Videochat mit bis zu zehn Leuten (ein bisschen wie Chatroulette, aber mit weniger Penissen.) Es gibt noch keine Werbung und keine nervigen Glücksnuss-Spielchen. Kurz - die erste Reaktion einhellig: Gefällt. Oder besser – „+1“ – denn dieser Button ist das neue „like“.

Doch google+ schafft auch Probleme, die wir im Juni noch nicht hatten. Und das liegt am wichtigsten Feature: den Kreisen. Auf Facebook sammelte man hunderte (oder auch Tausende) Freunde – bis Leute entweder gar nichts Privates mehr posten oder im Kaffeehaus von Unbekannten auf den Sonnenbrand im letzten Urlaub angesprochen werden. Google+ setzt dem „Kreise“ entgegen, die dem echten Leben näher sein sollen: Man ordnet seine Kontakte nach „Freunden“, „Familie“, „Bekannte“, „Arbeit“. (Oder auch nach „Nerds“, „Wappler“, „uninteressante PR-Fuzzis“, „Nervensägen“ – denn nur der Ersteller weiß, in welchen Kreis er wen gesteckt hat.) Wer hinzugefügt wird, bekommt eine Benachrichtigung – muss aber nicht „zurückfolgen“ oder gar, wie auf Facebook, gleich Freundschaft schwören.

Doch was zunächst genial lebensnah anmutet, stiftet bald Verwirrung. Erstens: Welche Kreise schafft man – und wen steckt man wohin? Diese Frage bestimmt derzeit den Neuigkeiten-Strom auf google+: Teilt man seine Leute nach Privatheitsgrad auf? Interessen? Regionen oder Sprachen? Sexuellen Vorlieben? (Ja, wirklich. Solche gibt es.) Und wer gehört eigentlich wohin?

Zweitens bleibt für den Eingekreisten ein Fragezeichen: Man erfährt zwar, ob man im Netzwerk eines anderen ist –weiß aber nicht, in welchen Kreis der einen gesteckt hat. Der Tag ist absehbar, an dem das auf Schulhöfen zu Dramen führen wird. („Ich hab sie im Beste-Freunde-Kreis, und sie mich im Tussen-Kreis!“) Und sollte es für Google mal finanziell eng werden, haben sie damit ein wunderbares Verkaufsargument: Upgrade auf zahlenden Abonnenten – oder wir veröffentlichen deine Kreise. (Was Google natürlich nie tun würde.)

Die dritte Verwirrung: Wozu sind die Kreise eigentlich gut? Die meisten Newcomer, frisch aus Facebook hereingespült, halten sie zunächst für reine Privatheitseinstellungen – ein Tool, um auszuwählen, mit wem man seine Informationen teilt. Das stimmt – aber so glatt, wie es klingt, funktioniert es nicht: Denn die Kreise sind nicht reziprok. Beim Kreis „beste Freunde“ kann man vielleicht noch davon ausgehen, dass die anderen auch lesen, was man schreibt. Wer allerdings an seinen Kreis „Coolste Rockstars des Planeten“ postet, darf nicht auf Echo hoffen. Trotzdem ist das ein guter Kreis: Denn die zweite Funktion ist, den Nachrichtenstrom zu unterteilen – um ähnlich wie auf Twitterlisten thematisch geordnete Postings zu bekommen.

Der Effekt der Kreis-Verwirrungen: Kopfzerbrechen. Derzeit schieben alle ihre Kontakte rum, schaffen neue Kreise, löschen sie wieder – und bei mehreren hundert Kontakten vermutlich irgendwann aufzugeben.

Wird google-Plus nun also der Facebook-Killer – und werden sich die Millionen, die es sich auf Facebook gemütlich gemacht haben, den Übersiedlungs-Stress antun? Vermutlich ja – wenn Facebook nicht sehr schnell nachzieht. Der Andrang in der Beta-Phase ist jedenfalls enorm, und wer drin ist, holt seine Freunde nach. Den anderen Dienst, der kein social network sein will, wird Google+ hingegen sicher nicht killen: Denn einen sauberen Nachrichten-Strom mit live-Berichten wie auf Twitter bekommt der google+-Algoritmus – noch – nicht hin.

Google+-Glossar:

+1: Das neue „like“ / „gefällt mir“.

Circles / Kreise: Gut gehütetes Geheimnis jedes Plussers: Die Schubladen, in die die Kontakte aufgeteilt werden. Zum Glück für niemanden sichtbar.

Share: Vor dem Teilen muss man auswählen, welchen Empfängerkreis man will – von Public bis zu Einzelpersonen. Das heißt aber nicht, dass die das auch lesen. Denn vielleicht bist du ja in deren „niemals-anschauen“-Kreis. Oder in gar keinem.

Disable sharing: Bei Aktivierung kann ein Posting nicht weitergeteilt werden. Hat die Wirkung eines mündlichen „Sag es niemandem weiter“. Durch copy-paste leicht zu umgehen.
Stream: Der Nachrichten-Maelstrom. Kann man nach Kreisen filtern, dann hat es was von Twitterlisten.

Incoming: Die Postings der Menschen, die dich in Kreisen haben, denen du aber nicht zurückfolgst.

Hangout: Videochat mit bis zu zehn Personen. Geht weiter, auch wenn der Ersteller schlafen geht. Ein bisschen wie Chatroulette, aber mit weniger Geschlechtsteilen.

Sparks: Fundgrube für Leute mit großen Mitteilungsbedürfnis, die aber nichts zu sagen haben. Liefert Neuigkeiten aus dem Web zu selbst gewählten Stichworten – oder voreingestellten Small-Talk-Hämmern wie „Gärntern“.

Fotos: Die Alben aus Picasa laden sich automatisch in den google+-Account. Android Handys laden auf Wunsch jedes Foto oder Video automatisch in ein privates google+-Album.

Datenkrake: Entspann dich. Google weiß ja ohnehin schon alles.

7.7.2011 09:18
Autor:Corinna Milborn
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